CSD Berlin

Es ist das Jahr 2017, “Ehe für alle” ist sogar in unserem prüden Deutschland durch – doch bei der Arbeit über die eigene (nicht heterosexuelle) Beziehung zu reden ist immer noch nicht salonfähig. Während man schon nach kurzer Zeit beim Kaffeeklatsch jeglichen irrelevanten Quatsch aus dem Liebesleben der Kollegen mitbekommt, beißt man sich lieber ein mal zu viel auf die Zunge, bevor man etwas über die eigene gleichgeschlechtliche Beziehung verrät. Denn aus dem belanglosen Tratsch wird schnell ein Coming Out am Arbeitsplatz, welches schnell zum Desaster und Qual wird, wenn die Kollegen dann doch nicht so cool reagieren? Ein Gefühl, dass jeder aus der LGBT+ Community mindestens ein Mal hatte und das für die meisten Heterosexuellen kaum nachzuvollziehen ist.

Zu diesem Problem hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes die Studie “Out im Office?!” in Auftrag gegeben. Dabei handelt es sich um eine Wiederholung der Studie aus dem Jahr 2007, welche auch um bisexuelle und transgeschlechtliche Beschäftigte erweitert wurde. Insgesamt wurden fast 3.000 queere Probanden befragt.

Festgestellt werden konnte, dass die schwulen und lesbischen Mitarbeiter deutlich offener über ihre sexuelle Identität reden als noch vor 10 Jahren. Dies trifft jedoch nicht auf die Menschen zu, die sich als Bi oder Trans* definieren. Sie werden nicht nur im Rahmen der allgemeinen Homophobie sondern auch innerhalb der LGBT+ Community diskriminiert. Dabei erleben die Bi- und Transsexuellen auch spezifischere Diskriminierungen, welche weiter unten im Artikel genauer beschrieben werden. An der Diskriminierung insgesamt hat sich in den letzten 10 Jahren leider gar nichts geändert – “Ehe für alle” hin oder her. Es liegt wohl an uns da einen Stein ins Rollen zu bringen – wenn nicht jetzt, wann dann?

Wie sich die Akzeptanz von schwulen, lesbischen, bi- und tran*- Beschäftigten in den 10 Jahren im Detail verändert hat, erfahrt ihr im Folgenden. Welche Erfahrungen habt ihr am Arbeitsplatz gesammelt? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

Coming Out der Schwulen und Lesben am Arbeitsplatz

oming Out von Schwulen und Lesben am Arbeitsplatz

Insgesamt ist die Offenheit im Umgang mit der eigenen Sexualität am Arbeitsplatz gestiegen. 2007 hat die Hälfte (51,9%) der lesbischen und schwulen Befragten mit einem oder nur mit wenigen Kollegen darüber gesprochen. Heute ist es ein Drittel (30,5%). Ein anderes Drittel (28,9%) redet offen mit allen Kollegen – 2007 waren es nur 12,7%.

Mit dem eigenem Chef plaudert man weniger gern über das Schlafzimmer. Ein bisschen weniger als die Hälfte (40,3%), redet mit keinem oder nur wenigen Führungskräften darüber. Immerhin, denn im Jahr 2007, haben insgesamt 65,1% nicht darüber geredet. Doppelt so viele Lesben und Schwule als im Jahr 2007 (15,2) reden dagegen offen mit allen Chefs – 32,5%.

Als Führungskraft geht man mit mit eigenem Privatleben weniger besorgt um – rund 40% der Führungskräften sprechen mit allen Mitarbeiter über die eigene sexuelle Identität. Das sind doppelt so viele wie vor 10 Jahren (20,7%). Andersrum gilt auch: knapp mehr als 25% reden mit keinem oder nur wenigen Mitarbeiter über ihre Sexualität – vor einem Jahr haben fast 50% lieber die Klappe gehalten.

Coming Out der Bi- und Transsexuellen am Arbeitsplatz

Coming Out von Bi- und Transsexuellen am Arbeitsplatz

Anders sieht es aus bei den Bi- und Transsexuellen. Deutliche Mehrheit bevorzugt es mit keinem oder nur mit wenigen Kollegen und Führungskräften über ihre sexuelle Identität zu reden. Die Arbeitssituation der beiden Gruppen ist allerdings nur wenig erforscht und wird vom Studienleiter Dr. Frohn im Bezug auf ihre Diskriminierung gesondert adressiert.

Spezifische Diskriminierung von Bi- und Transsexuellen

Bisexuelle seien “weniger stark vernetzt” wodurch sie kaum sichtbar und präsent seien. Die Bisexualität an sich ist sowohl für sich selber als auch für Außenstehende schwieriger zuzuordnen als Homosexualität. Deswegen werden viele auch abhängig von dem Geschlecht ihres Partners, als hetero- oder homosexuell von anderen wahrgenommen. Neben der üblichen Homophobie, erleben die Bisexuellen auch eine zusätzliche Diskriminierung innerhalb der LGBT+ Community. Ihnen werden oft wechselnde Sexualpartner, Entscheidungsunfähigkeit und Polyamorie (offene Beziehungsformen) vorgeworfen. Dies führt bei vielen “zu einem ständigen Erklärungsbedarf bzw. Rechtfertigungsdruck.” was einem Coming Out am Arbeitsplatz deutlich im Weg steht.

Da die Gesellschaft oft nur von zwei Geschlechtern ausgeht, ist die Transsexualität noch schwieriger zu erklären und wird deutlich mehr diskriminiert als andere sexuelle Identitäten. Im Berufsleben werden Trans* Beschäftigte “von Aufgaben herabgestuft”, aus dem Kundenkontakt genommen und verlieren ihre Führungsposition oder gar die Arbeitsstelle. Am Arbeitsplatz machen sich die Mitarbeiter über sie lustig, verwenden absichtlich oder unabsichtlich falsche Pronomen, Anrede oder sogar den falschen Namen. Viele bemängeln die Geschlechter-getrennten Räume wie Toiletten oder Umkleideräume. Aus diesem Grund entscheiden sich viele Transsexuelle während ihrer Transformation sich aus dem Berufsleben zurück zu ziehen.

Der Wiedereinstieg ist später mit unnötigen Hürden verbunden – einige Unternehmen weigern sich z.B. den Namen in den Dokumenten nachträglich zu ändern und die Personalleiter achten mehr auf die Trans-Biografie als auf die Qualifikation des Bewerbers wodurch die Chancen auf den Arbeitsplatz deutlich sinken. Das resultiert in hoher Quote an Arbeitslosigkeit unter Transsexuellen. Zusätzlich übernehmen sie die vorhandene Genderdiskriminierung – so werden Transfrauen mit Status- und Einkommensverlust konfrontiert während Transmänner an Status gewinnen.

Diskriminierung am Arbeitsplatz

Diskriminierung am Arbeitsplatz wegen sexueller Identität.

Obwohl wir jetzt heiraten dürfen, hat sich an der Diskriminierung seit 2007 nicht viel geändert. Rund drei viertel (76,3%) der queeren Beschäftigten werden diskriminiert. Etwa 20% davon sind strafrechtlich relevant. Jeder Zehnte lesbische, schwule oder bisexuelle Beschäftigte (11,5%) wird auch am Arbeitsplatz diskriminiert. Bei Transsexuellen ist die Zahl doppelt so hoch (25,5%). Etwa 8% haben wegen ihrer sexuellen Identität gar den Arbeitsplatz nicht bekommen.

 

Doch was können wir dagegen tun? Viele Unternehmen bieten bereits queere Veranstaltungen und Unterstützung, doch das ist oft nicht genug. Viele Bisexuelle und Trans* Beschäftigte fühlen sich von “gay” Angeboten nicht (ausreichend) angesprochen und gehen im Betrieb unter. Eine mögliche Lösung wäre es die Bi- und Trans*- Beschäftigte an der Teilname am LGBTQ+ Angebot zu ermutigen und zusätzliche Angebote für sie bereit zu stellen. Außerdem wäre es zu begrüßen wenn diskriminierendes Verhalten seitens der Mitarbeiter Konsequenzen hätte. Alles in allem liegt es in der ersten Linie an uns, dass jede und jeder sich in unseren LGBTQ+  Community wohl fühlt, wir jeder/jedem das Gefühl geben dazu zu gehören und vielleicht auch von sich aus versuchen Bi und Trans* Menschen in unserem Unternehmen zu unterstützen. Wen nicht wir, wer dann?


Quellen:

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